Nachruf Dr. Lourenco Noronha (1933-2025)

03.12.2025

Ein versteckter Weltbürger

Lourenço Alfredo de Noronha, wie ihn sein portugiesischer Reisepass benannte, wurde am 7. November 1933 in Dar es Salaam geboren. Seine Eltern kamen aus Goa, und waren damit portugiesische Staatsbürger; sein Vater arbeitete als Beamter im Dienste der britischen Kolonialverwaltung.

In seiner Selbstdarstellung vergaß Noronha nie, darauf hinzuweisen, dass er aus einer Familie von Hindu-Brahmanen stammte, zugleich aber auch, dass seine Vorfahren in den 40er Jahren des 16. Jahrhunderts katholisch getauft worden waren und von da den neuen Namen (de) Noronha angenommen hatten.

Nach seinem Schulbesuch in Goa und Belgaum übersiedelte der 18-jährige Lourenco wieder nach Dar es Salaam und absolvierte eine Ausbildung als technischer Zeichner. Von seiner graphischen Begabung zeugen Kohlezeichnungen aus späteren Jahren, die er jedoch gerne anderen Verfassern zuschrieb. 1953 trat er in der Schweiz in den Kapuzinerorden ein, studierte Philosophie und Theologie und wurde 1959 zum Priester geweiht. Als Ordensname hatte er Fernando gewählt, und viele Freunde kannten ihn besser als Fernando, denn als Lourenço.

Zwischen 1961 und 1972 war er als Lehrer und Pfarrgeistlicher in Tanzania tätig. Bald nach der Unabhängigkeit des Landes wurde er auch tanzanischer Staatsbürger. Mit Unterstützung der österreichischen Botschaft erhielt er ein Stipendium und übersiedelte im September 1972 nach Wien. Hier kam zu seinen zwei beruflichen Tätigkeiten noch ein dritter Bereich: er begann ein Doktoratsstudium in Ethnologie und Afrikanistik, das er 1976 mit der Dissertation „Beitrag zur Gesellschaftsordnung und Glaubensvorstellung der Safwa von Tansania“ abschloss.

Wien wurde zum neuen Lebensmittelpunkt als Priester, Forschender und ab 1974 Lehrbeauftragter für Swahili am Institut für Afrikanistik, das er gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Studierenden und Wissenschaftlern aufzubauen half. 1983 wurde er österreichischer Staatsbürger. Mit Beginn des Wintersemesters 2000/01 ging er als Vertragslehrer in Pension, unterrichtete jedoch noch mehrere Jahre als Lektor weiter.

Noronhas Forschungsarbeiten betrafen zwei sehr unterschiedliche Bereiche: Swahili Literatur und Lieder aus Goa, die er auf zwei Internetseiten, nämlich www.swahili-literatur.at und www.songs-from-goa.at veröffentlichte. Der erste Bereich begleitete seine Tätigkeit als Lehrender am Institut; mit den Liedern in Konkani setzte er fort, womit bereits sein Großvater und Vater begonnen hatten: eine Dokumentation goanesischen Liedguts.

Das Zitat von Shabaan Mlacha, das Fernando eingangs seiner Darstellung von Swahili Literatur setzte, belegt sehr genau die Ausrichtung seiner Tätigkeit, nicht nur im akademischen Bereich: „One of the purposes of serious literature in society is to explore the human mind and stir social conscience.” Er war aus vollem Herzen Seelsorger, Organisator verschiedener christlicher Gemeinden im Umfeld des afro-asiatischen Instituts und Lehrer. Viele seiner Studierenden werden ihn als, manchmal etwas kauzigen, Vortragenden in Erinnerung behalten, so wie er, bis ins hohe Alter, die Namen seiner Studierenden wusste, wenn sie ihm zufällig auf der Straße begegneten.

Zuletzt: Warum „ein versteckter Weltbürger“? Noronha hatte einen bewegten Lebenslauf und mehrere nationale Zugehörigkeiten (obschon ihm die indische Staatsbürgerschaft verwehrt wurde, um die er sich bemüht hatte), er war offen für die Vielfalt der Religionen und Kulturen, denen auch seine manchmal akribische Forschungspraxis galt, und er liebte alle Arten von Reisen, ob das nun ein Flug nach Hongkong oder Manila war, ein Ausflug mit dem Pensionistenbus nach Brünn, oder die Fahrt mit einem Wiener Verkehrsmittel von einer Endstelle zur anderen. Er machte jedoch nie ein besonderes Aufheben davon. So manche Anekdote zeugte allerdings von seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinem humorvollen Blick auf die Umwelt.

Allen, die eine Zeit seines Lebens mit ihm gehen durften, wird er in schöner Erinnerung bleiben.

Walter Schicho