Grazer Tage der Afrikanischen Literaturen 2026

Studierende, Rémi Tchokothe und Laura Kisser bei den Tagen der Afrikanischen Literaturen 2026 (c) Laura Kisser

Kamdem Mou Poh à Hom (Chiala, Projektpartner), Laura Kisser und Rémi Tchokothe (c) Laura Kisser
Grazer Tage der Afrikanischen Literaturen 2026
Von 17. bis 18. April 2026 fanden die diesjährigen Tage der Afrikanischen Literaturen in Graz statt. Organisiert von unserem nationalen Projektpartner, dem Verein CHIALA (Kamdem Mou Poh à Hom) und moderiert von Rémi Tchokothe, stand das Festival dieses Jahr unter dem Motto “Subversion & Perspektiven”. Wie im Vorjahr kuratierten Ida Hadjivayanis und Sami Tchak die Literaturtage, die im Kulturzentrum Minoriten stattfanden. Der Künstler Famakan Magassa war als Ehrengast geladen und stellte nicht nur eines seiner Gemälde als Festivallogo zu Verfügung, sondern stellte während der zweitägigen Veranstaltung auch einige seiner Werke aus. Die Wiener Buchhandlung Bibliobox war mit einem Büchertisch vertreten. Neben zahlreichen Grazer:innen zählten auch Studierende aus Rémi Tchokothes Masterstudiengang „(More) Poets of Panglobal Pluridentities: African-Diasporic Literary Voices in Austria“ zum Publikum, die eigens aus Wien angereist waren.
Wir blicken nicht nur auf zwei bereichernde Tage des Austauschs mit unserem Projektpartner, vor allem aber auch auf die großartigen mehrsprachigen Lesungen und Podiumsdiskussionen mit den Autor:innen zurück: Véronique Tadjo, Efua Traoré, Abdourahman Waberi, Osvalde Lewat, Bessora, Jamal Mahjoub und Gloria D. Gonsalves brachten mit ihren Lesungen auf Englisch, Französisch und Swahili die Vielfalt afrikanischen und afrikanisch-diasporischen Literaturen auf die Grazer Bühne. Die Schauspielerin Ninja Reichert bereicherte das Festival mit ihren Lesungen der deutschen Übersetzungen der Texte.
Besuch der Generalprobe von Destination Now Always
Am 30.01.2026 besuchte Laura Kisser die Generalprobe von Destination Now Always – Verkörpertes Wissen, Erinnerung, Heilung im Kulturhaus Brotfabrik in Wien. Das interdisziplinäre Theaterstück der Autorin und Spoken Word-Künstlerin Njideka Iroh fragt nach der Rolle der DNA von Personen der afrikanischen Diaspora: Was bedeutet Herkunft, Zugehörigkeit, Erbe und Erinnerung? Wie wirken Vergangenheit und Gegenwart zusammen? Gemeinsam mit der Tänzerin Kafeela Ade entstand eine Performance, die fließend zwischen Spoken Word, Theater, Tanz und Videokunst wechselt.

Banner Destination Now Always (c) Njideka Iroh
Kick-Off des Black History Months 2026

Laura Kisser beim Kick-Off des Black History Months (c) Pichler
Kick-Off des Black History Months 2026
Am 29. Jänner 2026 hat Laura Kisser beim diesjährigen Kick-Off des Black History Months unser Forschungsprojekt und das Event am 20. Februar vorgestellt. Veranstaltet von fresh Vibes und blackaustria.info, fand die Veranstaltung in Kooperation mit den Büchereien Wien in den Räumlichkeiten der Hauptbücherei statt. Neben Institutionen wie bibliobox, dem Verein Disrupt, der African Cultural Foundation, Radio Afrika TV, Pooldoks, dem Stadtkino im Künstlerhaus und den Donau Noir Film Days waren auch die beiden Künstler Adama Dicko und Lopongo von Sahel Melodies mit einer musikalischen Performance zu Gast.
Unser Treffen mit der Wiener Autorin, Übersetzerin und Aktivistin Ishraga Mustafa Hamid

Ishraga Hamid im Gespräch mit Studierenden (c) Laura Kisser

Ishraga Hamid mit Studierenden (c) Laura Kisser
Unser Treffen mit der Wiener Autorin, Übersetzerin und Aktivistin Ishraga Mustafa Hamid
Im Rahmen des Konversatoriums “Poets of Panglobal Pluridentities: African-Diasporic Literary Voices in Austria” der Universität Wien mit Assoz. Prof. Dr. Rémi Tchokothe hatten wir die besondere Ehre, Dr.in Ishraga Mustafa Hamid am 18. Dezember 2025 persönlich kennenzulernen. Ishraga Mustafa gestaltet mit ihrer literarischen und aktivistischen Arbeit nicht nur seit Jahrzehnten die österreichische Kulturszene mit, sondern ist auch für diesen Kurs von besonderer Bedeutung: “Poets of Panglobal Pluridenties” findet im Rahmen von Tchokothes vierjährigem Forschungsprojekt “Poetics of Relational and Intersectional Identities” statt, in dem er mit Laura Kisser bis 2029 erstmals systematisch den Beitrag von Schrifsteller:innen der afrikanischen Diaspora zur zeitgenössischen österreichischen Literatur erfasst. Für Tchokothe gilt Ishraga Mustafa symbolisch als “Patin” des Projektes, da ihr “Artivism” wesentliche Aspekte des Forschungsprojektes geprägt hat. Somit bot uns das Treffen sowohl die Möglichkeit, mit Ishraga Mustafa über ihr vielfältiges Schaffen zu sprechen, als auch einen näheren Einblick in den “field research” des Projektes zu bekommen.
In unserem Gespräch kamen wir immer wieder auf Mustafas aktivistisches Engagement zurück, für das sie 2020 auch das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien bekam. Momentan bedeutet das für sie vor allem, über den Genozid im Sudan aufzuklären. Das Ausmaß der Katastrophe sei in Europa kaum vorstellbar, erklärt sie: Massaker, Vergewaltigungen und Hunger werden als Kriegsinstrumente verwendet und seit April 2023 verließen mehr als 4 Millionen Sudanes:innen das Land. Der Krieg ist für Mustafa umso tragischer, da er im Westen weitgehend normalisiert wird und vor allem als humanitäre und nicht als politische Krise betrachtet wird. Zudem gilt ihre Kritik auch europäischen Ländern, die Kooperationen mit Nachbarländern haben, die den Krieg finanzieren. Im Buch “Gesichter der Donau" weist sie in einem Gedicht darauf hin, dass sie “eigentlich nicht über den Krieg schreiben [wollte].” Doch das Thema ist mittlerweile so dringlich, dass sie sich literarisch mit ihm befasst. Krieg ist männlich lautet der Titel des Gedichts.
Wenn der Krieg männlich ist, ist für Mustafa “das Schreiben weiblich.” Mit dem Verein „Arts of Banat Mendy“ organisiert sie deshalb unter dem Motto “Wir schreiben uns unsere Geschichte-n selbst” Schreibworkshops für geflüchtete Frauen. Der Name des Vereins ist eine Hommage an die Sudanesin Mendy bint Al sultan Agabna aus den Nuba-Bergen, die 1919 gegen den britischen Kolonialismus kämpfte, jedoch bis heute in der sudanesischen Geschichte weitgehend vergessen bleibt. Mustafa erzählte uns, dass sie von einem Nachbar erstmals als Kind von Mendy erfuhr; später aber weder in der Schule, noch an der Universität über sie lernte. Mendy steht für Mustafa somit stellvertretend für alle in der offiziellen Geschichtsschreibung vergessenen Frauen, deren Geschichten sie an die Öffentlichkeit tragen möchte. Viele der Frauen in den Workshops, so Mustafa, sind traumatisiert von ihrer Flucht und den Erfahrungen in ihrem Heimatland. Zu Schreiben wird somit zu einem “Akt von Leben”, wie sie auch in ihrem Gedicht “Geigen des Fremden” erzählt; eine Form der Selbstheilung und Gemeinschaft, die es den Frauen ermöglicht, sich selbst zu erzählen, anstatt auf die Geschichten anderer reduziert zu werden. Als Schwarze Wiener Schriftstellerin und Mitbegründerin der “Schwarze Frauen Community” in Wien ist Artivismus somit ein selbstverständlicher Teil von Mustafas Leben: Ihr politisches Engagement, erzählte sie uns, lasse sich deshalb nicht von ihrer Kunst trennen.
Als erstes feministisches Vorbild sieht Mustafa ihren Vater: Als dieser in ihrer Kindheit entdeckte, wie sie versuchte, das Buch Frauen und Sexualität versteckt zu lesen, gab er ihr mit, dass sie in ihrem Leben lediglich Angst vor Unwissen haben sollte. Heute arbeitet sie deshalb mit “Arts of Banat Mendy” daran, den Zugang zu Kultur und politischer Bildung für migrantische Jugendliche zu erweitern. In der Radioshow “Voice of Mendy - Stimmen aus der sudanesischen Community” auf Radio Orange sammeln beispielsweise österreichisch-sudanesische Jugendliche persönliche, künstlerische und politische Einblicke auf den Sudan, wie Berichte über Demonstrationen, Interviews und Buchrezensionen. Die Arbeit mit interessierten und politisch engagierten Jugendlichen, erzählte uns Mustafa, gibt ihr Hoffnung für eine bessere Zukunft, auch wenn die Umsetzung von Projekten wie diesem oftmals nicht einfach ist. Aufgrund der aktuellen Kürzung von Fördermitteln ist die Zukunft der Radioshow beispielsweise momentan ungewiss.
Aktivismus ist für Mustafa nicht nur wichtig, um politische Veränderungen zu bewirken, sondern auch für ihre psychische Gesundheit. Anstelle einer westlich-geprägten Self-Care, die zu einer zunehmenden Vereinzelung beiträgt, lässt sich für sie Erholung und Fürsorge im gemeinschaftlichen Handeln finden. Heilung findet sie auch bei Spaziergängen an der Donau, wie sich auch in der Autobiografie Die Donau kennt mich und in ihrem Sammelband Gesichter der Donau zeigt, den wir in der Woche zuvor im Rahmen des Konversatoriums diskutierten. Da es für Mustafa wichtig ist, in Beziehung mit ihrer Umgebung zu stehen, bedeutet Wasser für sie Leben, Kraft und Spiritualität. Die Donau ist in diesem Fall nicht nur ein geographischer Ort, sondern ein lebendiges Wesen, das sie inspiriert und bewegt. Ein Gegenüber, mit dem sie immer wieder ins Gespräch kommt.
Die Poetik der Flüsse findet sich nicht nur in Mustafas Literatur, sondern auch in anderen Werken der afrikanischen Diaspora in Österreich, die Prof. Rémi Tchokothe und Laura Kisser im Forschungsprojekt untersuchen. In der (Hydro-) Poetik der Autor:innen finden sie komplexes Wissen und vielfältige Ästhetiken, die die österreichische Literatur bereichern, jedoch bisher weitgehend außer Acht gelassen wurden. Das Projekt bereitet somit erstmals einen Raum für eine Konfluenz von afrodiasporischen Stimmen in Österreich. Wir bedanken uns für das Gespräch mit Ishraga Mustafa Hamid, von dem uns vor allem eines bleibt: “Schreiben, das nicht bewegt, ist tot.”
Bericht von: Alessandra de Freitas und Etumu Schoster
Kontakttreffen mit Chibo Onyeji
Am Mittwoch, dem 17. Dezember 2025, trafen sich Rémi Tchokothe und der nigerianische zweisprachige Schriftsteller (Igbo und Englisch) Chibo Onyeji zu einem Kontaktgespräch, um die Ziele des Forschungsprojekts, die geplanten Aktivitäten und Onyejis Beteiligung an zukünftigen Veranstaltungen des Projekts zu besprechen. Bei diesem Austausch überreichte Chibo Onyeji Rémi Tchokothe auch einen kostbaren Schatz: Einige Exemplare seiner mittlerweile vergriffenen Bücher. Daalụ Ọga ("Danke, Meister" auf Igbo).

Gespräche bei einer Tasse Tee am Wiener Hauptbahnhof (c) Chibo Onyeji & Rémi Tchokothe
Vorbereitungstreffen mit Adama Dicko

Adama Dicko und Rémi Tchokothe (c) Laura Kisser
Vorbereitungstreffen mit Adama Dicko
Am 9. Dezember 2025 besuchte der Musiker Adama Dicko das Institut für Afrikawissenschaften, um mit dem Projektteam seine musikalische Beteiligung beim Kick-Off Event des Forschungsprojektes im Februar 2026 zu besprechen. Adama Dickos kraftvolle Sounds nehmen das Publikum auf eine Reise durch die reiche und vielschichtige Kultur der nomadischen Fulani mit. Seine Musik wird zu einer Brücke zwischen Menschen, Orten und Emotionen: Ganz nach dem Motto „Come as you are“, lädt sie zum Zuhören, Tanzen oder Reflektieren ohne Grenzen ein, wie schon der Name des von ihm initiierten Festivals „Music without Borders“ nahelegt.
Besuch im Atelier von Famakan Magassa
Am 24. November 2025 besuchten wir als Projektteam den Künstler Famakan Magassa in seinem Atelier an der Akademie der Künste in Wien. Geboren und aufgewachsen in Mali, erhielt er 2023 den großen Preis des Norval Sovereign African ArtPrize, 2024 wurde er „Artist in Exile“ im Grazer Cerrini-Schlössl. Seit Oktober 2025 studiert er an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Famakan Magassas künstlerische Arbeit zentriert die Themen Freiheit, Gewalt und Unterdrückung, die er mit teils grotesken, teils humoristischen Elementen in seinen Werken zur Erscheinung bringt.

Mit Famakan Magassa (c) Laura Kisser

Mit Famakan Magassa (c) Laura Kisser
Walking and Talking I

Walking & Talking (c) Laura Kisser
Walking and Talking I
Körper und Geist in Bewegung: Gemeinsam mit dem komorischen Schriftsteller Anssoufouddine Mohamed entwickelte Rémi Tchokothe 2019 während seiner literarischen Feldforschung auf den Komoren die Methode Walking and Talking („promenade-conversation”). Walking and Talking bildet auch für unser Projekt einen methodologischen Rahmen für Diskussionen und Austausch. So fand das erste Walking and Talking des Projektes während einer Wanderung am Wilhelminenberg statt: Der Horizont des herbstlichen Wiens bot einen idealen Anlass, um auch über den Horizont des Projektes zu sprechen und gemeinsam Wege und Ziele für die nächsten vier Jahre zu setzen. Getreu dem Motto „If you fail to plan, you plan to fail“ (Benjamin Franklin) haben wir einen Plan, sind aber offen für Entwicklungen und Veränderungen, die sich uns auf dem Weg ergeben.
