Das koloniale Erbe des Wiener Afrikanisten Walter Pichl. Eine wissenschaftliche Bearbeitung seines Nachlasses
Projektbeschreibung
Eine interdisziplinäre Restudy zu Dekolonialisierung von Wissensbeständen
Das von der Stadt Wien geförderte Nachlass-Projekt stellt sich der Frage, wie die Afrikanistik mit komplexen, mehrdimensionalen Wissensbeständen umgehen kann, die aus kolonialen Kontexten stammen und verschiedene Disziplinen – Linguistik, Ethnografie, Geschichtswissenschaft, Biografieforschung und Archivkunde – berühren. Die umfangreichen Feldforschungsaufnahmen, Fotografien, Briefe, materiellen Sammlungen und unpublizierten Texte Pichls aus den 60er und 70er Jahren bilden einen Wissenskosmos zu Senegalesisch-Österreichischer Geschichte, in dem koloniale Perspektiven, Materialität und lokale Realitäten untrennbar verwoben sind.
Eine Restudy dieser Materialien eröffnet die Chance, Perspektiven einzubeziehen, die aufgrund epistemischer Traditionen hierarchisch bewertet, differenziert und entlang kolonial-rassistischer Denkmuster systematisch ausgeschlossen wurden. So kann marginalisiertes Wissen neue Dimensionen in der Forschung sichtbar machen. Methodisch rückt dabei Reflexivität und Co-Produktion ins Zentrum, die Wissensträger:innen aktiv in Auswertung und Aufbereitung des Materials einbeziehen. Ein solcher Prozess stellt nicht nur Fragen nach Provenienz und Datenautonomie, sondern fordert uns dazu auf, etablierte Fachroutinen zu überdenken, interdisziplinäre Zugänge zu stärken und bestehende Machtverhältnisse kritisch zu reflektieren.
Im Sinne Nyamnjohs Konzept der “recognition and provision for incompleteness – in persons, disciplines, organisations, and traditions of knowing and knowledge making“ (Nyamnjoh 2024: 121) erfordert dies eine Haltung, die die eigene Wissensproduktion stets als vorläufig begreift. Diese Offenheit ermöglicht auch das (An)-Erkennen blinder Flecken und schlicht falscher Annahmen in der Wissenschaftsgeschichte und Gegenwart des eigenen Fachs. So entsteht Raum für kooperative, kritische und flexible Perspektiven, die neuen Deutungen offenstehen. Durch den kontinuierlichen, dialogischen Austausch können nicht nur neue Einsichten in Pichls Nachlass gewonnen werden, sondern auch eine methodisch offene und beziehungsorientierte Wissenschaftspraxis.
Gefördert von der Stadt Wien, Kulturabteilung.

Aktivitäten
Multimediale Ausstellung: Retour à Dakar
Im Rahmen einer von der Stadt Wien und der Österreichischen Botschaft in Dakar geförderten Projektreise in den Senegal im April 2026 wurde eine Ausstellung im Rahmen der Feierlichkeiten zu 60 Jahren Universitätsbibliothek an der Université Cheikh Anta Diop de Dakar (UCAD) realisiert. Unter dem Titel "Retour à Dakar – Les Recherches linguistiques historiques au présent" lud die UCAD gemeinsam mit einer Forschungsdelegation aus Österreich, bestehend aus Gabi Slezak, Jennifer Brunner & Alexander Kupfer, am 15. April 2026 zur Vernissage der Ausstellung ein.
Im Fokus der Veranstaltung stand die Auseinandersetzung und die Rekontextualisierung des kolonialen Erbes des österreichischen Sprachwissenschaftlers Walter Pichl, der in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche linguistische und anthropologische Aufnahmen in Westafrika machte. Diese Aufnahmen sind im Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften archiviert, ebenso wie eine Reihe von unveröffentlichten Manuskripten an der Universität Wien und eine Sammlung von Objekten im Privatbesitz der Enkelkinder von Walter Pichl. Die in den letzten Monaten hergestellten Digitalisate der Manuskripte sowie eines nicht unwesentlichen Teils der Aufnahmen, nämlich jener zu den von ihm erstmals als Cangin-Gruppe klassifizierten Sprachen im Senegal – konnten nun im Zuge der Feierlichkeiten an Forscher:innen der UCAD (Anna Marie Diagne – Institut Fondamental d’Afrique Noire, Augustin Ndione – Centre de linguistique appliquée & El Hadji Dièye – Département de Linguistique) sowie der Bibliothek übergeben werden. Darüber hinaus gelang es dem interdisziplinären und internationalen Projektteam, Sprecher:innen ausfindig zu machen, die auf ebendiesen Aufnahmen zu hören sind. So konnten die Stimmen im Sinne einer dekolonialen Aufarbeitung des Bestandes an die Sprecher:innen retourniert werden.
Ein besonderer Höhepunkt war die Kunstinstallation des Künstlers Viye Diba, der damit auf eines der Objekte im Pichl-Nachlass – eine Maske unbekannten Ursprungs – Bezug genommen hat. Auf ebenso großes Interesse stieß die Ausstellung zu den Cangin-Sprachen und den historischen Beziehungen zwischen Senegal und Österreich, die am Beispiel der Personen Walter Pichl und des ersten Präsidenten des unabhängigen Senegal, Léopold Sédar Senghor, nachvollziehbar gemacht wurden.
Die Beteiligung und Förderung durch die Österreichische Botschaft in Dakar und Frau Botschafterin Mag. Ursula Fahringer sowie die Anwesenheit des Enkelsohns von Walter Pichl, Paul Kaiser, aber auch der aufgenommenen Sprecher:innen und zahlreicher Forscher:innen bestätigt nicht nur die Relevanz des Materials und einer Auseinandersetzung damit, sondern ermöglicht auch einen intensiven Dialog zwischen Forschung, Zivilgesellschaft, Politik und Kunst beider Länder.
Im Zuge des Forschungsaufenthalts fand auch ein von der UCAD organisierter Workshop zu den Cangin-Sprachen bzw. sprachwissenschaftlicher Feldforschung und Arbeit mit Archivmaterial statt, an dem zahlreiche Studierende der UCAD teilnahmen.
Senegal April 2026
Digitalisierte Manuskripte von Walter Pichl an der Universität Wien
Kontakt
Dr. Mag. Gabriele Slezak
gabriele.slezak@univie.ac.at
Dr. Jennifer Brunner BA. BA. MA. MA
jennifer.brunner@uni-graz.at
Alexander Kupfer BA
alexander.kupfer@univie.ac.at
